Hinweis

Für dieses multimediale Reportage-Format nutzen wir neben Texten und Fotos auch Audios und Videos. Daher sollten die Lautsprecher des Systems eingeschaltet sein.

Mit dem Mausrad oder den Pfeiltasten auf der Tastatur wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Durch Wischen wird die jeweils nächste Kapitelseite aufgerufen.

Los geht's

Multimedia-Spezial: 200. Bombe in Oranienburg

Logo http://story.moz.de/multimedia-spezial-200-bombe-in-oranienburg

Oranienburg sitzt auf einem regelrechten Pulverfass. Am Mittwoch wird die 200. Bombe nach 1990 entschärft. Etwa 300 explosive Blindgänger werden noch im Erdboden der Kreisstadt vermutet.

Die Entschärfung der 200. Bombe nehmen wir zum Anlass, mit diesem Multimedia-Projekt zu zeigen, wie die Stadt und ihre Bewohner mit der lauernden Gefahr im Boden leben. 

Zum Anfang
Zum Anfang
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

Zum Anfang
Video

Seit dem Jahr 2000 wird in Oranienburg systematisch nach Kampfmitteln gesucht. Das ist bisher einmalig in Deutschland und dem hohen Gefahrenpotenzial geschuldet, das vor allem den Sprengkörpern mit chemischen Langzeitzündern innewohnt. Dieser Wettlauf mit der Zeit kommt die Stadt  teuer zu stehen kommt. Ab 2017 bringt sie Jahr für Jahr vier Millionen Euro aus eigenen Mitteln für die Bombensuche auf. Gelder, die an anderer Stelle fehlen.

Zum Anfang

Bomben-Experte Prof. Wolfgang Spyra erarbeitete die Grundlage für die Kampfmittelbeseitigung

Vollbild

Dass Oranienburg ein explosives Pflaster ist, wussten die Einwohner schon zu DDR-Zeiten. Auch damals wurden bei Bauarbeiten Bomben gefunden und entschärft. Welche Gefahr aber tatsächlich noch im märkischen Sand der Kreisstadt Oberhavels schlummert, hat erst ein wissenschaftliches Team um Professor Wolfgang Spyra an den Tag gebracht. Für Brandenburgs Zentraldienst der Polizei (Kampfmittelbeseitigung) erarbeitete Spyra von der Technischen Universität Cottbus ein Gutachten mit Brisanz. 2008 war es fertig. Dann dauerte es noch einmal zwei Jahre, bis 2010 das „mittel- und langfristige Konzept der Kampfmittelberäumung in Oranienburg“ der Öffentlichkeit vorgestellt wurde.

Nur ein paar wissenschaftlich belegte Zahlen zur Erinnerung: Bei 13 Luftangriffen der Royal Air Force und der US Air Force wurden rund 10500 Großbomben auf Oranienburg und Umgebung abgeworfen. Beim schlimmsten Angriff am 15. März 1945 fielen auf Oranienburg mehr 4000 Großbomben mit Langzeitzündern, gut 3300 davon wogen je 250 Kilogramm, etwa 700 je eine halbe Tonne.

Längst nicht alle explodierten. Mehr als 300 Blindgänger werden noch im Erdreich vermutet, besonders gefährlich sind die mit einem chemischen Langzeitzünder versehenen Bomben. Spyra warnt, es sei nur eine Frage der Zeit, wann sie hochgehen. Das Spyra-Gutachten gilt als Grundlage für die Bombenentschärfung in Oranienburg.

Schließen
Zum Anfang
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

Zum Anfang

Vollbild

„Wegen der Bombenproblematik haben wir seit Jahren ein strukturelles Haushaltsdefizit“, sagt Bürgermeister Hans-Joachim Laesicke (SPD). Denn Jahr für Jahr muss die Stadt Millionensummen für die Kampfmittelbeseitigung ausgeben. Dabei erfordert der Wachstumsdruck, der auf Oranienburg aktuell lastet, dringend ganz erhebliche Investitionen in die soziale Infrastruktur. Denn es fehlt an Kita-Plätzen, und in der Kernstadt ist nach dem Neubau der dreizügigen Comenius-Grundschule der Bedarf für eine weitere derartige Grundschule diagnostiziert worden.

Allein 2016 belaufen sich die Kosten für das Kapitel Kampfmittelbeseitigung nur für die Stadt auf rund 2,6 Millionen Euro (ohne Personalkosten). Ab 2017 sind vier Millionen Euro eingeplant. Gut vier Millionen Euro gibt zudem das Land Brandenburg jährlich allein für die Bombensuche in Oranienburg aus. Die Rückstellungen der Kreisstadt bis 2030 beinhalten die Riesensumme von rund
 147 Millionen Euro. Eine derartige finanzielle Belastung durch Kriegsfolgen dürfte kaum eine andere Kleinstadt in Deutschland zu tragen haben.

Das überfordere die Kommune auf Dauer. „Oranienburg kann doch nicht für den Zweiten Weltkrieg und dessen Folgen verantwortlich gemacht werden“, sagt der Bürgermeister. „Das kann nur eine nationale Aufgabe sein, zu der sich die Bundesrepublik endlich bekennen muss“, sagt Laesicke. „Die Ignoranz des Bundes muss ein Ende haben“, so seine Forderung.

Immerhin hat der Bund nach jahrelangen beharrlichen Verhandlungen gerade 60 Millionen Euro bis 2019 als einmalige finanzielle Unterstützung der Länder für die Beseitigung alliierter Munition zugesagt. Ob von dieser Summe, die von Flensburg bis Garmisch-Partenkirchen verteilt werden könnte, im besonders belasteten Oranienburg jemals ein Euro ankommt, ist für den Bürgermeister derzeit keineswegs gesichert. Auch Innenminister Karl-Heinz Schröter (SPD) kann momentan noch keine Summe nennen.

Die Richtlinie des Bundesfinanzministeriums sei eine „Zangengeburt“, die völlig verklausuliert die Hürde für eine Förderung sehr hoch ansetze. Fest stehe bisher lediglich, dass die systematische Kampfmittelsuche, die sich Oranienburg wegen des großen Gefahrenpotenzials der Langzeitzünderbomben auferlegt hat, „nicht gefördert wird“, so der Bürgermeister enttäuscht. Oranienburg werde in seinem Pilotantrag um Bundeshilfe deswegen alle Kostenpositionen aufführen. „In der Hoffnung, dass wir an der einen oder anderen Stelle vielleicht doch etwas abbekommen“, versichert Laesicke. „Wir werden also weiter für mehr Mittel bei der Kampfmittelsuche kämpfen müssen“, lautet für Laesicke nach wie vor die Botschaft.

Schließen
Zum Anfang
Zum Anfang

Allein in diesem Jahr mussten die Sprengmeister in Oranienburg acht Mal ihre riskante Arbeit verrichten. Vor fast genau einem Jahr haben sie an einem Tag vier Blindgänger entschärft. Eine kaum vorstellbare Konzentrationsleistung. Denn am Gelingen hängt nicht zuletzt das eigene Leben der Experten. Machen sie einen Fehler, sterben sie, können Häuser in die Luft fliegen und damit Existenzen ganzer Familien gefährden. Jedes Mal, wenn ein Bombe entschärft wird, müssen Feuerwehrleute in den Morgenstunden kontrollieren, dass die Anwohner den Sperrkreis räumen. Sie wissen, wie wichtig dies ist. Viele von ihnen nehmen Urlaub, damit die Aufgabe erledigt werden kann.

Zum Anfang

Er hat einen der gefährlichsten Berufe, den man sich überhaupt vorstellen kann. Der 55-jährige Diplom-Ingenieur ist Experte für amerikanische Fliegerbomben mit Langzeitzünder. Und er ist der technische Leiter beim Kampfmittelbergungsdienst. Wenn in Oranienburg Bomben unschädlich gemacht werden müssen, ist Müller der Chef vor Ort.

In seinem Büro stehen die amerikanischen Langzeitzünder auf der Fensterbank. Ein Exemplar stammt aus dem Korea-Krieg. Darauf steht eingraviert „36 h“. Die Bombe sollte 36 Stunden nach dem Aufschlag detonieren. Maximal 144 Stunden Zeitverzögerung konnten eingestellt werden. Auch in Oranienburg war gegen Ende des Zweiten Weltkriegs geplant, die Menschen, die sich Stunden nach den verheerenden Luftangriffen in Sicherheit wähnten, doch noch zu töten. Doch hunderte Bomben zündeten auch Jahre später nicht. Besonders groß ist die Dichte nicht detonierter Fliegerbomben rund um den Bahnhof.

Müller kennt die Gefahren und Besonderheiten. Über seine Arbeit spricht er trotzdem wie über einen ganz normalen Beruf. Besonnenheit ist vielleicht die wichtigste Voraussetzung, um als Sprengmeister arbeiten zu können. „Ich habe auch keinen Abenteurer im Team.“ Früher wurde auf jede Neutralisierung mit Sekt angestoßen. Heute gibt es immerhin noch den obligatorischen Blumenstrauß vom Bürgermeister, ein paar Fotos und die Fragen der Presse. Man merkt Müller an, dass er den zum Ritual gewordene Dank eigentlich nicht mag. „Wir fühlen uns nicht als Helden“, sagt der 55-Jährige. Viel mehr lässt er kaum in seine Seele blicken.
Nach den Bomben Nummer 197 und 198, die am 13. Oktober am Alten Hafen entschärft wurde, habe er sich zu Hause ein Gläschen Rum gegönnt. „Man muss irgendwie runterkommen“, sagt Müller. Seine äußerliche Gelassenheit verbirgt das Innere.

Aber Müller gehört schließlich zu den erfahrensten Sprengmeistern in Deutschland. Er hat nicht genau mitgezählt, aber etwa 150 Bomben müssen es gewesen sein, die Müller entschärft hat. 38 davon hatten einen Langzeitzünder. Das bei den Oranienburger Sprengmeistern angehäufte Wissen zu den amerikanischen Fliegerbomben mit Langzeitzündern ist einmalig. Als Guru der Entschärferszene würde Müller sich niemals bezeichnen lassen. Auch andere Bundesländer hätten Experten. „Wir kennen uns nun mal gut mit Langzeitzündern aus.“

Mit den Experten aus Niedersachsen gibt es regen Austausch. Von dort kam auch das Wasserschneidgerät, das hier modifiziert wurde und mit dem inzwischen bei 95 Prozent der gefundenen Bomben der Zünder hinausgetrennt werden kann. Müller Vorgänger Horst Reinhardt hatte 2009 die letzte Bombe mit einer Seilscheibe per Hand entsichert. Das wurde zu heikel. Wegen der Gefahr von Selbstdetonationen während der Entschärfung gab es zeitweilig nur noch Sprengungen.

Weil sich viele Bomben im sandigen Untergrund mit der Spitze nach oben bewegten, löste die Azetonampulle den Zünder nicht, wie vorgesehen, aus. Inzwischen löst sich aber die dazwischen liegende Zelluloidmanschette. Bei jeder Bombe ist es nur eine Frage der Zeit, wann sie explodiert, sagt Müller. Mit jeder Entschärfung kommt er mit seinem Team einer Selbstdetonation zuvor.

André Müller kam über die Nationale Volksarmee zu den Bombenjägern. Der gebürtige Frankfurter machte nach der Kindheit in der Oderstadt zunächst eine Lehre in Eberswalde, ging dann zur Armee und studierte Waffentechnik. Nach der Wende wechselte Müller in die Privatwirtschaft und kam 1995 zum staatlichen Munitionsbergungsdienst in Frankfurt (Oder). Dort entschärfte er auch seine erste Bombe. Im Jahr 2000 wurde Müller Einsatzleiter, 2009 kam er nach Oranienburg. Seither hat Müller sein Wissen erweitert und verbreitet. An der Sprengschule Dresden vermittelt er seine Erkenntnisse weiter. Nachwuchsprobleme gebe es in seiner Branche nicht, sagt Müller. Beim KMBD lernten immer wieder Praktikanten der Bundeswehr.

250, 500 oder in seltenen Fällen 1000 Kilogramm sind die Fliegerbomben schwer, die in Oranienburg gefunden werden. In der 250-Kilogramm-Bombe, die heute an der Lehnitzstraße entschärft werden soll, befinden sich 130 Kilogramm reiner Sprengstoff. Das macht deutlich, warum alle Menschen den Sperrkreis verlassen müssen. Zuletzt kam es vor genau drei Jahren am Lindenring zu einer Sprengung, die relativ glimpflich ablief, obwohl die Bombe direkt neben einem Mehrfamilienhaus lag. „Ich hatte damals damit gerechnet, dass der Hausgiebel zerstört wird“, sagt Müller. Es komme darauf an, die Druckwelle richtig abzuleiten. In den Boden, oder – bei nah stehenden Häusern – nach oben. Doch das ist nicht immer einfach. „Jeder Bombe ist anders“, sagt Müller. Und jedes Mal habe es der KMBD mit anderen Bedingungen zu tun. Im Boden befinden sich Torf, Kies- und Mergelschichten.
Manchmal reicht das Grundwasser bis zur Geländeoberkante. Sogar aus dem Morast am Lehnitzsee musste einen Bombe geborgen werden. Vor einem Jahr wurden am Havelufer in Lehnitz vier Bomben, die direkt neben einem Einfamilienhaus lagen, nacheinander entschärft. „Das machen wir so nicht wieder“, sagt Müller über den nervenaufreibenden Entschärfungsmarathon, der bis spät in die Nacht dauerte. Wie immer nach erfolgreicher Arbeit rief Müller danach seien Frau an. Sie sei nicht aufgeregter als andere Ehefrauen. „Sie vertraut meiner Arbeit“, sagt er.

Zum Anfang
Zum Anfang
Nach oben scrollen
Nach links scrollen
Nach rechts scrollen
Nach unten scrollen
Zum Anfang

■ Blindgänger finden

Manche Blindgänger schlummern nur knapp unter der Oberfläche, andere liegen in mehreren Metern Tiefe. Wer einen Blindgänger findet, sollte die Munition auf keinen Fall berühren, sondern sich an die Polizei wenden, die dann das Sprengkommando informiert. Im Gleis- und Straßenbau oder vor einem Hausbau wird gezielt gesucht. Dabei können historische Luftbilder zum Einsatz kommen. Die Alliierten flogen im Zweiten Weltkrieg direkt nach der Bombardierung über die Gebiete und dokumentierten die Zerstörung. Anhand der Bilder versuchen die Räumdienste Orte zu lokalisieren, an denen noch scharfe Bomben liegen könnten. Experten vergleichen historische und aktuelle Luftbilder, um auf die Fährte der Blindgänger zu kommen. Die Kampfmittelräumdienste spüren die Bomben dann mithilfe von Metalldetektoren auf.

 ■ Zünder entfernen

Vor Ort müssen die meisten Blindgänger auch entschärft werden – sie zu transportieren, wäre in vielen Fällen zu gefährlich. Mit Baggern und Schaufeln wird die Bombe im Boden freigelegt. Dabei müssen die Sprengmeister vom Kampfmittelräumdienst äußerst vorsichtig vorgehen. Denn wenn Blindgänger bewegt werden, können sie plötzlich explodieren. Im nächsten Schritt wird der Zündmechanismus identifiziert. Ein heikler Moment, denn wenn ein Zünder in der Bombe ist, ist sie auf jeden Fall scharf. Er muss unbedingt entfernt werden. Manche der Bomben, die amerikanische und britische Flugzeuge über Deutschland abwarfen, verfügten über einen perfiden Mechanismus: Statt beim Aufschlag direkt zu explodieren, detonierten sie erst Stunden oder gar Tage später – und wurden so für Feuerwehrleute und Rettungskräfte zur tödlichen Gefahr. Der Langzeitzünder funktioniert chemisch-mechanisch statt nur mechanisch wie der normale Aufschlagzünder. Damit niemand eine Bombe mit Langzeitzünder rechtzeitig entschärfen konnte, hatten ihre Konstrukteure zusätzlich eine Ausbausperre eingebaut. Jeder Versuch, den Zünder herauszuschrauben, führte zur sofortigen Detonation. Darum müssen diese Bomben auf eine besondere Weise entschärft werden. Mit einem Wasser-Granulat-Schneidegerät wird die Hülle zwischen Schlagbolzen und Sprengstoff getrennt und die Bombe so unschädlich gemacht.

■ Langzeitzünder

Beim chemisch-mechanischen Langzeitzünder  hält eine Scheibe aus Zelluloid oder Kunststoff den Schlagbolzen fest. Beim Aufprall auf der Erde zerbricht eine Glas-Ampulle voller Aceton. Das Lösungsmittel löst das Zelluloid auf und löst den Schlagbolzen aus – die Bombe explodiert. Die Verzögerung liegt je nach Dicke des Zelluloids zwischen zwei und 144 Stunden nach dem Aufprall. Diese Zündmechanismen haben häufig versagt, ihr Anteil an den Blindgängern ist besonders hoch. Kam die Bombe zum Beispiel verkehrt herum zur Ruhe, tropfte das Aceton nicht wie vorgesehen direkt auf das Zelluloid. Von außen lässt sich daher nicht erkennen, ob die Zündvorrichtung versagt hat oder ob die Bombe bisher nur nicht ausgelöst hat. Generell zählen Bomben dieses Typs zu den gefährlichsten überhaupt. Und die fortschreitende Verrottung der Zünder erhöht das Risiko von Selbstdetonationen. Oft kann selbst die kleinste Erschütterung zur Explosion des Sprengkörpers führen. Manchmal kann es sogar passieren, dass derartige Bomben ohne jede Außeneinwirkung detonieren.

■ Sprengstoff zerstören

Haben die Feuerwerker die Zünder erst einmal aus den Blindgängern ausgebaut, muss nur noch der Sprengstoff vernichtet werden. Das geschieht auf dem Gelände von Brandenburgs zentralem Munitionszerlegebetrieb mit Sprengplatz in Kummersdorf-Gut (Teltow-Fläming).

Zum Anfang
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

Zum Anfang

Immer wieder müssen Menschen ihre Wohnungen im Sperrkreis verlassen. Patienten werden aus dem Krankenhaus und Bewohner aus Altenheime in andere Einrichtungen und Turnhallen transportiert. Doch die meisten Oranienburger bleiben gelassen. Sie leben schon seit Jahrzehnten mit ihren Bomben.

Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Ansicht vergrößern bzw. verkleinern

95 Bomben konnte der Kampfmittelbeseitigungsdienst des Landes Brandenburg (KMBD) bisher entschärfen, zwei Bomben sind selbst detoniert – und haben glücklicherweise nicht zu schweren Verletzungen in der Bevölkerung geführt.
Das muss nicht so bleiben. „Die gehen alle hoch. Es ist nur eine Frage der Zeit“, pflegte der langjährige Technische Leiter des Kampfmittelbeseitigungsdienstes Brandenburg (KMBD), Horst Reinhardt, zu sagen. Deshalb ist die Kampfmittelsuche in Oranienburg ein Wettlauf mit der Zeit.

Zum Anfang

Geschäftsinhaber leiden unter Verdienst- und Produktionsausfall, wenn eine Bombenentschärfung ansteht.

Zum Anfang

Vollbild

Wie oft das Pharmaunternehmen Takeda oder die Vorläuferbetriebe an dem historischen Pharmastandort in der Lehnitzstraße wegen einer Bombenentschärfung in den vergangenen 26 Jahren die Produktion ruhen lassen mussten, kann Geschäftsführer Hans-Joachim Kaatz nicht sagen. Zwölfmal in einem Jahr sei bisher jedenfalls der absolute Höchststand gewesen. Wegen der Größe der Sperrkreise mit Radien von bis zu 1000 Metern sei der Oranienburger Standort des japanischen Pharmariesen so gut wie immer betroffen, wenn es um Bombenentschärfungen in Lehnitz und im Gebiet der Kernstadt gehe.

„Die heutige Bombenentschärfung beschert uns dieses Jahr zum sechsten Mal eine unfreiwillige Zwangspause“, sagt Kaatz, der dem Standort seit Jahrzehnten eng verbunden ist und seit mehr als einem Jahr als Geschäftsführer des Oranienburger Werks mit rund 740 Beschäftigen fungiert. Und: Es handelt sich dieses Mal um den vierten Bombenblindgänger, der auf dem betriebseigenen Grundstück Lehnitzstraße 73 gefunden wurde. Zwei weitere Verdachtspunkte liegen ganz in der Nähe. Sie stehen im Frühjahr zur näheren Untersuchung an.

Für Hans-Joachim Kaatz ist es wichtig, dass das Grundstück zwischen Lehnitzstraße und Havel bald frei von explosiven Kriegslasten ist. Denn das ist Voraussetzung dafür, die Flächen, die zuvor von bis zu drei Meter hohen Aufschüttungen beräumt werden mussten, überhaupt nutzen und bebauen zu können. Die Notwendigkeit dafür könnte sich bei dem expandierenden Konzern in naher Zukunft eventuell ergeben.

Für ein Unternehmen aber, das im Drei-Schicht-Betrieb arbeitet, um die gigantische Jahresmenge von mehr als 6,6 Milliarden hochwertigen Tabletten und Pillen herzustellen, ist jeder Produktionausfall eine enorme Herausforderung. „Über die Jahre haben wir jedoch eine große Routine entwickelt, um mit dieser unvermeidlichen Situation möglichst effizient umzugehen“, sagt Hans-Joachim Kaatz.

Von der Stadt als Ordnungsbehörde erfahre man beizeiten von anstehenden Evakuierungen und könne die Abläufe im Betrieb rechtzeitig darauf einstellen. Um die Produktion so wenig wie möglich zu beeinträchtigen, werde die Nachtschicht um zwei Stunden bis etwa 8 Uhr verlängert. Bis 8 Uhr ist der Sperrkreis im Regelfall zu verlassen. „Wir halten uns natürlich strikt an diese Vorgabe der Stadt, um die gefährliche Arbeit der Kampfmittelexperten nicht unnötig zu verzögern“, sagt der Geschäftsführer.

Die normale Frühschicht von 6 bis 14 Uhr entfalle bei Bombenentschärfungen dann regelmäßig. „Sobald der Sperrkreis am Nachmittag freigegeben wird, kommen die Mitarbeiter zurück und fahren die Produktion wieder hoch. Die Ausfallzeiten werden an den Wochenenden, vornehmlich sonnabends, nachgeholt“, sagt Hans-Joachim Kaatz. Diese Regelung habe sich eingespielt und werde von der Belegschaft dankenswerterweise auch mitgetragen.

Über die Höhe der Produktionsausfälle habe man sich bisher nicht den Kopf zerbrochen. „Denn zu den Evakuierungen gibt es ja ohnehin keine Alternative. Wir können nur hoffen, dass alles immer ohne Zwischenfälle über die Bühne geht und dabei niemand zu schaden kommt“, sagt der 64-Jährige. Ein Großteil lasse sich durch die Wochenend-Schichten ausgleichen. Die dritte Standorterweiterung bei Takeda, mit der die Produktionskapazitäten aufgestockt werden, soll im Sommer 2017 in Betrieb gehen. Kaatz hofft, auch damit einen weiteren Ausgleich zu schaffen.


Schließen
Zum Anfang
Zum Anfang

Wenn eine Entschärfung ansteht, wird dies  im Pflegeheim domino world bereits Wochen vorher geplant. Das Team hat darin Routine. Immer wieder müssen die mehr als 280 Bewohner den Sperrkreis verlassen.

Zum Anfang
Zum Anfang

Vollbild

Nur noch mit einem müden Lächeln reagiert Andreas Lück, Leiter der Oranienburger Rewe-Filiale, auf die inzwischen sechste Evakuierung in diesem Jahr. Inzwischen ist die mehrstündige Schließung des Einkaufsmarktes schon zur Routine für Lücks Belegschaft geworden. „Wir fangen dann schon morgens um 5 Uhr an, die Waren einzusortieren, weil wir um acht Uhr raus müssen“, so Lück.

Die Vorbereitungen dafür beginnen aber schon Tage vorher. Die Lieferanten müssen umbestellt und im Zentrallager die Lkw auf andere Routen geschickt werden. Natürlich muss der Dienstplan für die 37 Mitarbeiter in der Filiale neu geschrieben werden. Die Mitarbeiter haben während der Evakuierung Freizeit. Sie müssen dafür keinen Urlaub nehmen oder Überstunden opfern. „Das ist doch höhere Gewalt“, erklärt der Leiter die großzügige Regelung.

Die Bombenentschärfungen gehen auch ins Geld. Rund 80 Prozent weniger Umsatz macht der Laden an so einem Tag. Entschädigung gibt es nicht.
Sorgen um seine Filiale macht sich Lück, der die unfreiwillig gewonnene Zeit manchmal für private Einkäufe in Berlin nutzt, während der Entschärfung nicht. „Die Sprengmeister haben sehr viel Routine“, sagt er mit Respekt vor deren gefährlicher Arbeit.

Schließen
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang
Zum Anfang

Zum Anfang
Scrollen, um weiterzulesen
Wischen, um Text einzublenden
Schließen

Übersicht

Nach links scrollen
Kapitel 1 200. Bombe

Csm 1026324809 ab6fd6b1c5

Img 9887

2013004371 fw
Kapitel 2 Ausnahmestadt Oranienburg

Ora 161214 alte bombe 12 fw

Prof. dr. wolfgang spyra

Ora 161214 alte bombe 13 fw

B%c3%bcrgermeister hans joachim laesicke mit sprengmeister andr%c3%a9 m%c3%bcller
Kapitel 3 Oranienburgs Helden

Bombe

Ora 161214 lol4 m%c3%bcller1 fw

Gellert thumb

Brb 161214 bombenz%c3%bcnder web
Kapitel 4 Stadt der Geduldigen

Imgp1674

Schramm thumb

Schadewald thumb

Bestritzki thumb
Kapitel 5 Herausforderungen für Unternehmen

Csm 1026453859 a03563c5fe

Takeda oga

Takeda gf thumb

Senioren bombe kd
Kapitel 6 Weitere Informationen

Ora 161214 alte bombe 20 fw
Nach rechts scrollen